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Cholesterin

Arteriosklerose ist keine Entzündungskrankheit

Atherosklerose, die Verhärtung der Schlagadern, ist eine Speicherkrankheit.
Du hast es überall gehört: Herzkrankheit sei "eine Entzündungskrankheit". Halb wahr, und genau dieses "halb" führt Millionen Menschen in die falsche Richtung.

Die Verwirrung hat einen guten Grund. Entzündung ist an fast jedem Schritt der Arteriosklerose beteiligt, von der ersten Gefäßwandreaktion bis zum Aufreißen der Plaque, das den Herzinfarkt auslöst. Es gibt sogar ein berühmtes Argument dafür: Etwa die Hälfte aller Herzinfarkte passiert bei Menschen, deren Cholesterin nicht auffällig hoch ist. Genau diese Beobachtung führte zur CANTOS-Studie, die zeigte, dass ein reiner Entzündungshemmer das Herzinfarktrisiko senken kann, ganz ohne das LDL zu verändern (Ridker et al., New England Journal of Medicine, 2017).

Klingt nach einem klaren Fall für die Entzündungstheorie. Ist es aber nicht. Denn eine Beteiligung an einem Prozess ist nicht dasselbe wie seine Ursache.

Der eine Schritt, ohne den nichts passiert

Arteriosklerose beginnt nicht mit Entzündung. Sie beginnt damit, dass cholesterinhaltige Teilchen in der Gefäßwand hängen bleiben. Gemeint sind die sogenannten apoB-haltigen Lipoproteine, vor allem das LDL. Jedes dieser Teilchen trägt genau ein apoB-Eiweiß, und dieses Eiweiß bindet an Strukturen in der Arterienwand. Bleibt das Teilchen dort zurück, wird es verändert, und erst diese zurückgehaltenen, veränderten Teilchen lösen die Entzündungsantwort aus, die wir später in der Plaque sehen.

Das ist die "response-to-retention"-Hypothese, die schon 1995 formuliert wurde (Williams und Tabas, Arteriosclerosis, Thrombosis, and Vascular Biology). Die Reihenfolge ist entscheidend: erst das zurückgehaltene Teilchen, dann die Entzündung. Selbst eine aktuelle Übersichtsarbeit, die sich ganz der Entzündung widmet, nennt Arteriosklerose unmissverständlich eine "Cholesterin-Speicherkrankheit, verursacht durch die Zurückhaltung von LDL in der Gefäßwand" (Ajoolabady et al., Cell Death and Disease, 2024).

Kurz gesagt: Keine zurückgehaltenen apoB-Teilchen, keine Arteriosklerose. Egal wie stark die Entzündung ist.

Warum wir das so sicher wissen

Das ist keine Theorie mit ein paar Studien dahinter. 2017 hat ein Konsensuspapier der European Atherosclerosis Society die gesamte Beweislage zusammengetragen: über 200 Beobachtungsstudien, genetische Untersuchungen und kontrollierte Studien, zusammen mehr als zwei Millionen Menschen (Ference et al., European Heart Journal, 2017). Das Ergebnis war eindeutig.

Besonders überzeugend ist die Genetik. Menschen, die genetisch bedingt ihr Leben lang sehr niedriges LDL haben, bekommen kaum Arteriosklerose, auch wenn sie ansonsten entzündliche Prozesse im Körper haben. Menschen mit genetisch sehr hohem LDL, etwa bei familiärer Hypercholesterinämie, entwickeln schwere Arteriosklerose schon in jungen Jahren, ganz ohne besonderen Entzündungsauslöser. Das ist so nah an einem natürlichen Experiment, wie die Medizin es bekommen kann. Es zeigt: Das apoB-Teilchen ist notwendig. Entzündung allein genügt nicht.

Der Effekt ist dabei dosisabhängig und kumulativ. Es zählt nicht nur, wie hoch dein LDL heute ist, sondern wie hoch es über wie viele Jahre war. Die Gefäßwand führt Buch.

Eine ausführliche Erklärung für alle, die sich für Naturwissenschaften begeistern: Die Ablagerung und Oxidation von LDL-Cholesterin in der Gefäßwand löst eine Entzündung aus. Der Körper schickt Monozyten aus dem Blut, die in die Gefäßwand einwandern und sich dort zu Makrophagen oder dendritischen Zellen umwandeln. Die Makrophagen versuchen, das oxidiertes LDL aufzunehmen, doch bei zu viel davon verwandeln sie sich in Schaumzellen. Diese verstärken die Entzündung, setzen weitere Botenstoffe frei und lassen die Plaque wachsen. Im Inneren der Plaque entsteht ein Kern aus toten Zellen. Wird die Plaque instabil und reißt auf, bildet sich ein Blutgerinnsel, das das Gefäß verschließen kann. Neutrophile und dendritische Zellen verschlimmern die Entzündung zusätzlich, und geschädigte Reinigungsprozesse sorgen dafür, dass immer mehr Zellen in der Plaque bleiben.

Was die Entzündung wirklich tut

Damit wird CANTOS nicht falsch, sondern erst richtig verständlich. Die Entzündung entscheidet darüber, wie schnell eine Plaque wächst und ob sie aufreißt. Sie ist der Beschleuniger und oft der Auslöser des akuten Ereignisses. Deshalb hatten in CANTOS auch Menschen mit "normalem" Cholesterin noch ein Restrisiko, das sich über die Entzündung senken ließ.

Aber: Diese Menschen hatten trotzdem genug apoB-Teilchen, um über Jahrzehnte Plaque aufzubauen. "Nicht auffällig hoch" nach Bevölkerungsmaßstab liegt immer noch weit über dem Bereich, in dem Arteriosklerose praktisch nicht entsteht. Die Entzündung hat das Feuer angefacht. Gelegt hat es das Cholesterin.

Ein Bild dafür: Cholesterin ist der Brennstoff, der über Jahre in die Wand eingelagert wird. Entzündung ist der Wind, der das Feuer entfacht und gefährlich macht. Nimm den Wind weg, und es brennt langsamer. Nimm den Brennstoff weg, und es gibt nichts zu verbrennen.

Eine wichtige Warnung:

Es gibt immer wieder Stimmen, die meinen: „Die Ärzte lügen uns an, sie fixieren sich auf LDL, dabei ist die Entzündung das wahre Problem!“ Das klingt zwar modern und rebellisch, ist aber gefährlich. Wer nur die Entzündung bekämpft und die Cholesterinbelastung vernachlässigt, lässt weiter Brennstoff ins Feuer kippen. Das Kernproblem bleibt ungelöst, und das Risiko steigt weiter. Solche vereinfachenden Botschaften können Menschen davon abhalten, die wirklich entscheidende Ursache anzugehen.

Was das für dich heißt

LDL (oder ApoB) und Entzündung, beides ist wichtig, aber nicht gleichrangig. Die Entzündung in den Griff zu bekommen ist sinnvoll. Aber die zurückgehaltene Cholesterinlast ist die Grundlage, ohne die der ganze Prozess nicht startet. Und weil der Schaden sich über Jahrzehnte summiert, zählt jedes Jahr.

Wenn du wissen willst, wie viel kumulative Belastung du schon angesammelt hast, kannst du das mit unserem Rechner abschätzen.

>> Zum LDL-Kalkulator

Quellen

  • Ference BA, Ginsberg HN, Graham I, et al. Low-density lipoproteins cause atherosclerotic cardiovascular disease. 1. Evidence from genetic, epidemiologic, and clinical studies. A consensus statement from the European Atherosclerosis Society Consensus Panel. European Heart Journal. 2017;38(32):2459-2472. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehx144
  • Borén J, Chapman MJ, Krauss RM, et al. Low-density lipoproteins cause atherosclerotic cardiovascular disease: pathophysiological, genetic, and therapeutic insights. A consensus statement from the European Atherosclerosis Society Consensus Panel. European Heart Journal. 2020;41(24):2313-2330. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehz962
  • Ridker PM, Everett BM, Thuren T, et al. Antiinflammatory Therapy with Canakinumab for Atherosclerotic Disease (CANTOS). New England Journal of Medicine. 2017;377(12):1119-1131. https://doi.org/10.1056/NEJMoa1707914
  • Williams KJ, Tabas I. The response-to-retention hypothesis of early atherogenesis. Arteriosclerosis, Thrombosis, and Vascular Biology. 1995;15(5):551-561. https://doi.org/10.1161/01.atv.15.5.551
  • Ajoolabady A, Pratico D, Lin L, et al. Inflammation in atherosclerosis: pathophysiology and mechanisms. Cell Death and Disease. 2024;15:817. https://doi.org/10.1038/s41419-024-07166-8

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